hubul wattan minal iman
Redebeitrag von Aiman A. Mazyek, Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland e.V., auf dem Empfang der MJD am 01.04.08

Ein bekanntes arabisch-islamisches Sprichwort sagt „Die Liebe zur Heimat oder auch Vaterland ist Teil des Glaubens“ - hubul wattan minal iman.

Doch leben die Muslime hierzulande in ihrer Heimat? Betrachten sie Deutschland als ihr Vaterland, als Glaubens- und Herzensangelegenheit?

Ich habe mir auch dieses Thema für das neuste Islamische Wort im SWR ausgesucht, was diesen Freitag im Internet gehört oder gelesen werden kann.

Viele von uns sind natürlich vom Ursprung her Deutsche, bei einem anderen Teil von uns sind die Eltern vor über 50 Jahren nach Deutschland gekommen, sie gehören mittlerweile zu der 3. Generation, nachdem Deutschland die erste Generation - die sogenannten Gastarbeiter- einlud.

Die Tatsache, dass wir es z.B. bisher nicht geschafft haben, deutsch-türkische Fußballtalente, wie einen Altintop oder Bastürk - aus der dritten Generation eben - für die Fußball-Nationalmanschaft zu rekrutieren und dass diese immer noch lieber in der türkischen Mannschaft spielen, zeigt einmal mehr, dass die Identifikation zur neuen Heimat noch eine lange Wegstrecke vor sich hat.

Auf der anderen Seite tut sich die deutsche Seite schwer, mit den neune Deutschen hier zu recht zu kommen, selbst bei so unverfänglichen und apolitischen Schauplätzen wie bei Deutschland sucht den Superstar: BsP: TS titelte in den vergangen Tagen zu den 10 besten: „Migrantenstadel“. Die Macher und wahrscheinlich auch die vielen Zuschauer, die die Sänger gewählt haben, verstanden diese deplazierte Ironie nicht. Und doch ist sie nur ein Spiegelbild der derzeitigen schiefen Integrationsdebatte. In den USA wäre man stolz auf diese Jugendlichen gewesen und hätte gesagt, seht her, dass ist Teil Amerika.

Und war es nicht schon fast schaurig schön, als die Welt zu Gast bei uns war und Türken und Deutsche mit und ohne Kopftuch Schwarz-Rot-Gold trugen, die Weltmeisterschaft zu einem Volksfest machten und die Welt sich verwundert die Augen über „uns Deutsche“ rieb? Lang ist´s her und man will die noch greifbaren Erinnerung konservieren – zumindest ist vielen damals klar geworden - selbst unseren Berufszynikern und Allesbekritlern, die immerfort bei solchen Angelegenheit angeekelt ihre eigene Gänsehaut beobachten und dann den gefährlichen Gutmenschen wittern - dass es in Deutschland auch anders gehen kann.

Ist also der Islam bei uns angekommen? Und doch, eigentlich ist der Islam überall zu Hause auf der Welt. Er bejaht z.B. die Verschiedenartigkeit und bunte Vielfalt der Menschen, und der Korandas gesegnete Buch des Islams; wörtlich: „die Rezitation“, „das oft Gelesene“; das Vorgetragene; die Lesung; der Vortrag; das von Allah an Seinen Gesandten Muhammad (saw) offenbarte Buch in arabischer Sprache erwähnt dies als ein Zeichen Gottes und von Gott gewollt. Es heißt dort: „Oh ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen lernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch. (49:13) (4:1).

Der Grund der Verschiedenheit der Menschen ist also, dass sie einander besser kennen lernen und der Maßstab der Menschen ist nicht ihre Volks- oder Rassenzugehörigkeit sondern ihre Rechtschaffenheit.

Ein recht einfaches Credo. Ein Wetteifern um diese Werte, würde uns sicherlich wesentlich weniger stressige Zeiten und Ängste bescheren, als gegenwärtig. Doch Muslime sind Menschen wie Du und ich und handeln leider nicht immer so, wie es ihnen selbst der Koran empfiehlt.

Und dort heißt es auch: „Suche in dem, was Gott dir gegeben hat, die Wohnstatt des Jenseits; und vergiß deinen Teil an der Welt nicht; und tue Gutes, wie Gott dir Gutes getan hat; und begehre kein Unheil auf Erden; denn Gott liebt die Unheilstifter nicht." [28:77)

Ob dieser Vers wohl dem türkische Jugendlichen, der einen Rentner in München mit seinem griechischen Kumpel krankenhausreif schlug, bekannt war? Eher nicht.

Und doch sind es diese Geschichten, wie der Terrorismus oder Islamismus, die im Zusammenhang des Islam stets überproportional genannt werden.

Was zur Folge Abwertung der Muslime, messbar gestiegenen Islamfeindlichkeit und oft auch Generalverdächtigungen in unserem Land hat.

Fast 40 Prozent der Deutschen fühlen sich durch die Muslime belästigt. Das besagt eine Studie der Uni Bielefeld, die im Dezember 07 veröffentlicht wurde. Konfliktforscher und Verfasser der Studie Wilhelm Heitmeyer kennt Gründe für diese Islamfeindlichkeit. Die Abwertung der Muslime in unserem Land ist in vollem Gange und schadet am Ende uns alle. Der hessische Wahlkampf von Roland Koch hat dies leider einmal eindrucksvoll schmerzhaft unter Beweis gestellt.Obgleich die rechtsextremistische Straftaten z.B. gerade in den letzten Wochen besonders zahlreich waren bzw. angestiegen sind – es verging beinahe keine Woche, wo nicht ein Bürger Opfer von rechtsextremistischer Gewalt wurde -, zitierte man in Politik und den Medien fast ausschließlich den menschenverachtenden Fall von München.Es entstand ein Gefühl, eine Gemengelage, als ob die Sicherheit auf den Straßen und in unserer Gesellschaft unmittelbar und allein mit den Straftaten ausländischer Jugendliche etwas zu tun hätte. Ja, der Fall drängte andere aus gesellschaftspolitischer Sicht mindestens ebenso schwerwiegende Straftaten in den Hintergrund. Alleine in den beiden Weihnachtstagen z.B. haben in Deutschland 4 Beziehungsdramen - bei Türken würde man wohl dann von Ehrenmorden sprechen – stattgefunden. Meist „löschte“ der Vater wegen Eifersucht und Trennung seine ganze Familie aus und tötete sich am Ende selber. In der gleichen Woche des Fall von München, ereignete sich auch in Aachen eine folgenschwere Tat. Ein deutscher Student stieß eine chinesische Bekannte seiner Freundin vor einem einlaufenden Zug. Die Tat ist von Kameras aufgezeichnet worden und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mord. Die Meldung fand kaum in den bundesdeutschen Medien Beachtung und niemand ist auf die Idee gekommen, die Bilder für ein etwaiges chinesisches Wahlplakat zu zu nutzen, um deutsche Straftäter vorzuführen. Natürlich ist es legitim und richtig, ein Defizit in unserer Gesellschaft auch am Beispiel von Straftaten durch Menschen mit ausländischer und muslimischer Herkunft festzumachen. Das macht z.B. auch die jüngste BMI-Studie mit einem bemerkenswerten Ergebnis, nämlich dass es keine signifikanten Unterschied zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hinsichtlich des Hangs zur Gewalt haben bzw. gewaltaffin sind. Doch so einfach will ich es mir nicht machen, denn Gewalt unter türkischen oder muslimischen Jugendlichen nahmen eher zu als ab. Muslimische Verbände und Jugendorganisationen sollten dies auch in den eigenen Reihen in Zukunft noch mehr thematisieren und gemeinsam mit Staat und Politik Lösungen suchen und Projekte initiieren.- Zusammenarbeit Polizei/ZMD: Vertauensgespräche, Ansprechpartner vor Ort, Medienpackete, Tagungen und Fortbildungen und Teeabende in der Moscheeabgeleitet vom arabischen "masdschid" (wörtlich: Ort der Niederwerfung); in erster Linie Ort des gemeinschaftlichen Gebets; darüber hinaus Nutzungsmöglichkeiten für soziale, kulturelle und erzieherische Funktionen- Rekrutierung Türken/Muslime in der Polizei- Schulung von Imamen für die Thematik: Gewalt unter Jugendlichen in muslimischen Ehen - Klar machen: Wir haben ein existentiellen Interesse unseren Community gegen über Gewalt – auch politischer Extremismus (zwar nicht direkt das heutige Thema, ich will es aber zumindest nicht unerwähnt lassen) zu immunisieren. Wer so Verantwortung in der Gesellschaft auf sich nimmt, wird auch bereit sein, die Ursachen nicht einfach in der Herkunft zu suchen, sondern sozial-ökonomische Begründbarkeiten anzusprechen. Wer die Schuld in der Herkunft oder Religion der Täter sucht, handelt hochgradig unverantwortlich. Die Tötung der fünf Babys z-B. durch die eigene Mutter ist kein deutschländisches Problem oder gar ein ostdeutsches, sondern ein gesellschaftliches, welches uns alle angeht. Glaubwürdig ist der, der das aufzeigt und sagt: ja wir haben ein Gewaltproblem in unserer Gesellschaft insgesamt.Dieses hat höchst unterschiedliche und diffizile Gründe. Während z.B. in den 70-er Jahren jedes 60. Kinde arm war, gelten heute 14% aller Kinder als arm (Kinder-Report 2007).Gewalt-Videospiele, steigende und unklare Familienverhältnisse und Ehescheidungen, überforderte Lehrer sind weitere bekannte Phänomene dieses Problems. Nicht zuletzt konsumieren wir alle Gewalt nicht nur durch Videospiel oder Fernsehen, sondern auch durch die täglichen Nachrichten aus „realen Kriegsschauplätzen“. Wer Beziehungsdramen einfach totschweigt und Ehrenmorde, die in der Regel nichts anders sind und nur eine Namen trage als islamspezifisch hochschaukelt oder die innerer Sicherheit nur durch ausländische Jugendliche bedroht sieht und sie gar in die Nähe faschistischer Umtriebe aus dem 20.Jahrhundert rückt, wie das ein führender Journalist unserer Tage versucht hat, zeigt, dass er am Thema vorbei diskutiert. Wer andererseits einseitige Erwähnung rechtsextremistischer Straftaten in Kauf nimmt, Brände gegen türkische Häuser immer in Verbindung rechtsradikaler Deutscher zu bringen versucht und dies taktisch instrumentalisiert, begibt sich ebenfalls in den Verdacht, dass es ihm nicht echt um die Ursachenbekämpfung in unserer Gesellschaft geht. Diesen Herrschaften geht alleine darum, die Abwertung der einen zu Gunsten der anderen voranzutreiben. Sündenbock und Schwarze-Peter Spiele. Eine gefährliche Angelegenheit, wie wir aus Geschichte und Gegenwart wissen.

Und solange wir nur eine paar ganz wenige von den Muslimen haben, die zu der Tötung der Babys eine verabscheungswürdige Schadenfreunde empfinden, bleibt ein tief sitzenden Misstrauensverhältnis in der Gesellschaft uns gegenüber.

Muslime hierzulande haben fremd- und selbstverschuldet eine Glaubwürdigkeitsproblem. Die unausgesprochene Frage lautet doch oft: Sorgen sie sich wirklich um das Gemeinwohl der Gesellschaft als Ganzes? Treten sie wirklich für unsere Werte wie Achtung, Ehrfurcht vor der Menschen Brut, Respekt vor jedwedem Menschen ein, auch wenn es sie nicht selber betrifft? Wenn diese muslimische Stimme sich zudem zum Grundgesetz bekennt, also auch und unmissverständlich zu den in der deutschen Verfassung zu Grunde gelegten Werten wie die Menschenrechte, macht sie klar: Hier ist meine Welt, hier ist der Ort, wo ich mich für meine, unsere Werte sorge und einsetze. Für das Eintreten dafür brauche ich übrigens nicht zwingend Muslim oder Christ sein. Wenn jedoch meine Religion mich dazu aufruft, für genau diese Werte einzustehen - und das tut sie - umso besser. Ich glaube nicht, dass es uns Muslimen, ob liberal oder konservativ, Verbandsvertreter oder nicht bisher im ausrechendem Masse gelungen ist, diese neue Art des Bekenntnisses „rüber zu bringen“ und verständlich zu machen.

Der Prophet Abraham hat, als er das Haus Gottes gebaut und seiner Familie die

örtliche Wohnstatt bereitete, folgendes Bittgebet uns – den Menschen aller Religionen auf dem Weg gegeben: „Mein Herr, mache dieses Land zu einer Stätte der Sicherheit“(14:35). Wir Muslime sollten dies mal öfter lesen und dieses Bittgebet auch für unsere Stätte in Deutschland aussprechen.

Und der Prophet Mohamad (sasAbkürzung für „sallallâhu alajhi wa sallam“ („Der Friede Allahs sei auf ihm“); Bei der Nennung des Namens des Gesandten Gottes Muhammad (sas) sprechen die Muslime diesen oder einen ähnlichen Segenswunsch aus.) wusste schon und ermahnte die Muslime, indem er sagte: „Ein gläubiger Muslim ist der, von dem die Menschen in Sicherheit sind“ Er sagte nicht „von dem die Muslime in Sicherheit sind“

 

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